Karmel
Teresa von Ávila (1515-1582) beobachtete an Jesus, dessen Leben sie immer wieder meditierte, wie er sich Gott zuwendet, ehrfürchtig tiefen, vertrauten Umgang mit ihm pflegt und zugleich ganz dem jeweils Nächsten zugewandt ist. Auch mir ist dieser Jesus von damals, der als der auferstandene Christus von heute lebt, ein Freund - das war die große Entdeckung Teresas nach fast zwanzig Klosterjahren. Mit bestechender Ehrlichkeit hat sie in ihren Schriften den Weg beschrieben, den sie von beengenden und angstmachenden Gottesvorstellungen hin zur "Freundschaft mit Gott" gegangen ist. In dieser Freundschaft wollte sie fortan leben. Sie bekam eine neue, tiefere Sicht vom Glauben, vom Beten, von der Eucharistie und den Sakramenten, von der Kirche ... Auch für Teresa ist das Leben mit Gott nicht auf Gebetszeiten beschränkt. Sie sagt ihren Schwestern: "Christus ist auch in der Küche, mitten zwischen den Kochtöpfen." Es gibt für sie keine Trennung von kontemplativem und aktivem Leben. Kontemplation ist nicht zeitlich begrenzbar, sondern eine Lebensart, eine neue Art und Weise zu denken, zu fühlen, zu handeln und zu sein. Im Leben Jesu findet Teresa ihre Schule der Freundschaft mit Gott und den Menschen.
Johannes vom Kreuz (1542-1591) hat der Spiritualität des Karmel das notwendige theologische Fundament gegeben. Er sieht das menschliche Leben als einen Entwicklungsprozess, als eine "Angleichung an Christus" und als "Umformung in Gott hinein", als ein Reifen auf die Vollendung in der Ewigkeit hin. Geistlich leben heißt für ihn, sich auf diesen Reifungsprozess einzulassen: Vorstellungen von Gott, vom Glauben und vom religiösen Leben zu korrigieren, wenn sie sich als zu oberflächlich oder gar als falsch erweisen, stets neu dazu zu lernen und umzulernen, offen zu bleiben für das, was dem Geist Gottes entspricht. - Von besonderer Bedeutung ist seine Lehre von der "dunklen Nacht" geworden. Auch und gerade die Nichterfahrung Gottes ist für ihn Gotteserfahrung, ist intensive "Läuterung", die aus religiösen Fixierungen befreit und zur Liebe fähig macht.
Therese von Lisieux (1873-1897) hat die Spiritualität des Karmel durch ihren "kleinen Weg" bereichert. Sie erkennt: Gott erwartet weder Perfektion noch heroische Taten. Er will nichts anderes, als dass ich ihm die Liebe glaube, die er zu mir hat, und dass ich aus dieser Liebe lebe. In einer echten Freundschaft zählt nicht die Leistung, sondern "allein die Liebe".
Elisabeth von Dijon (1880-1906), die im Kloster den Ordensnamen "Elisabeth von der Dreifaltigkeit" trug, hat in ihren Tagebüchern und in einer umfangreichen Korrespondenz sehr ausdrücklich davon gesprochen, dass Gott "Gemeinschaft" ist und geistliches Leben zur Teilnahme am "Fest der Drei" werden kann. Das göttliche DU, zu dem sie aufblickte, offenbarte sich ihr als die Dreieinigkeit Gottes, so dass sie beten konnte: "Ihr, meine Drei".
Unserer Zeit wurde Edith Stein (1891-1942) geschenkt, die als Jüdin und Philosophin auf dem langen Weg ihrer Wahrheitssuche zum Zentrum des christlichen Glaubens fand. Bereits vor ihrem Eintritt in den Kölner Karmel bekennt sie: "Es ist im Grunde nur eine kleine, einfache Wahrheit, die ich zu sagen habe: wie man es anfangen kann, an der Hand des Herrn zu leben."